Eine Geschichte aus Nylon

Kaum ein Uhrenzubehör trägt einen Namen, der so gründlich missverstanden wird. Die meisten gehen davon aus, dass das NATO-Armband seinen Namen von der NATO selbst hat, vom Militärbündnis, das es angeblich entworfen oder in Auftrag gegeben hat. Das stimmt nicht ganz. Die eigentliche Geschichte ist unauffälliger, britischer, und eigentlich noch interessanter.

Der eigentliche Ursprung

1973 veröffentlichte das britische Verteidigungsministerium (Ministry of Defence) eine neue Norm für Ausrüstungsgegenstände, die Def Stan 66-15, betitelt schlicht "Strap, Wrist Watch". Gesucht war ein robustes Uhrenband, einfach herzustellen und leicht zu ersetzen, das auch im Feldeinsatz zuverlässig funktioniert. Herausgekommen ist genau das Band, das heute unter dem Namen "NATO" bekannt ist. Es ist 280 mm lang, 20 mm breit, besteht aus fest gewebtem Nylon und trägt verchromte Messingbeschläge.

Namensgebend war dabei nicht die NATO als Organisation, sondern ein Verwaltungsdetail. Das Band wurde im britischen Materialsystem mit einer NATO-Lagernummer (NATO Stock Number) geführt, einem Nummerierungssystem, das viele NATO-Streitkräfte gemeinsam nutzten, um Ausrüstung zu katalogisieren. Aus dieser Lagernummer wurde umgangssprachlich "das NATO-Band". Unter Militärangehörigen setzte sich ohnehin ein anderer Name durch. Sie nannten es G10, benannt nach dem Formular G1098, das ein Soldat ausfüllen musste, um eines aus dem Materiallager zu beziehen.

Doppelt hält besser

Was das Band technisch auszeichnet, ist ein einfacher, aber cleverer Kniff. Statt eines einzelnen Streifens Stoff besteht es aus zwei Lagen Nylon, die beide unter dem Uhrengehäuse hindurchlaufen. Bricht einer der beiden Federstege, bleibt die Uhr trotzdem am Handgelenk befestigt, gehalten vom zweiten Steg. Für ein Stück Ausrüstung, das im Feld nicht verloren gehen durfte, war das kein Detail, sondern die eigentliche Funktion.

Der Bond-Mythos, der keiner ist

Ein Bild hat sich besonders tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Sean Connery, der 1964 in "Goldfinger" mit einer gestreiften Rolex Submariner am Handgelenk auftritt. Viele erzählen diesen Moment als Geburtsstunde des NATO-Bands. Zeitlich ist das schlicht unmöglich, denn der Film kam neun Jahre vor der eigentlichen Def-Stan-Norm heraus. Was Connery trug, war ein einfacher, einlagiger Nylonstreifen, keine echte G10-Konstruktion. Populär gemacht hat dieses Bild trotzdem etwas, nämlich den gestreiften Look, der bis heute mit dem NATO-Band assoziiert wird, obwohl das Original schlicht in Admiralty Grey gehalten war. Die farbigen Streifenmuster kamen erst später hinzu, als einzelne Regimenter Bänder in ihren jeweiligen Einheitsfarben tragen wollten.

Vom Feld in den Alltag

Was als reine Zweckmässigkeit begann, hat sich seither weit über seinen militärischen Ursprung hinaus entwickelt. Leicht, schnell zu wechseln, unempfindlich gegen Wasser und Wetter. Dieselben Eigenschaften, die es fürs Militär brauchbar machten, machen es heute zu einer naheliegenden Wahl für alle, die eine Uhr täglich tragen, statt sie nur zu besitzen.

Genau das ist es, was uns am NATO-Band interessiert. Kein Schmuckstück, das geschont werden will, sondern ein Stück durchdachte, ehrliche Funktion und eine Geschichte, die es wert ist, richtig erzählt zu werden.